Dipl. Psych. Agnes Miriam Boeing:   Eigene Wege finden


Buch: Eigene Wege finden, Dipl. Psych. Agnes Miriam Boeing, Garamond Verlag
Eine Orientierungshilfe zur Unterscheidung zwischen destruktiven und hilfreichen Formen der Spiritualität und Esoterik

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Agnes Miriam Boeing
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Was heißt denn hier "Sekte"?

Vielfach arbeite ich mit dem Begriff der "Sekte" (1) oder ich bezeichne Gruppen, Strukturen oder Merkmale analog dazu als "sektiererisch". Sekten versuchen mit subtilen, schwer durchschaubaren tiefenpsychologischen Eingriffen ihre Anhänger in eine Scheinwelt zu führen und in eine komplexe Abhängigkeit zu ziehen (Stamm (2)).

Meine Definition einer Sekte beinhaltet zudem, dass die Verantwortlichen der Sekte versuchen, die Gefühle und Gedanken der Anhänger zu beeinflussen, zu verändern und schließlich zu bestimmen. Betroffene fühlen sich dadurch langfristig von sich selbst entfremdet. Um ein bestimmtes Ziel, das von der Sekte definiert und beschrieben wird, zu erreichen, nehmen Mitglieder oft hohe finanzielle Ausgaben, große körperliche Anstrengungen und/ oder psychische Entbehrungen in Kauf. Mitunter setzen sie für die Zielerreichung ihr eigenes Leben ein. Es wird suggeriert, dass die Erreichung des Ziels paradiesische, vollkommene oder ideale Umstände oder Zustände beinhaltet (z.B. vollkommene Gesundheit, großen Reichtum, völlige Freiheit, hohe Intelligenz, vollendete Spiritualität oder eine vollkommen harmonische Gesellschaft - oder all dies zusammen).

Diese Ziele können in Sekten jedoch nicht wirklich erreicht werden. Statt dessen wird das Mitglied von den Verantwortlichen der Sekte manipuliert und der - bisweilen totalen - Kontrolle unterworfen. Sekten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Professionalität und Gefährlichkeit.

Aus meiner Sicht zeichnet sich eine Sekte nicht in erster Linie durch abstruse Vorstellungen aus, sondern durch die Art und Weise des Umgangs mit den Mitgliedern. Druck erzeugen, Ängste vor dem Ausstieg schüren, Mißachtung und Abwertung der Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse der Mitglieder, Manipulation und Kontrolle stellen zentrale Strategien von Sekten dar.


Anmerkungen:

- 1. Ich benutze den Begriff "Sekte", weil er im allgemeinen Sprachgebrauch die von mir beschriebenen (und ähnliche) Phänomene bezeichnet. Vergleichbare Bezeichnungen sind "Jugendreligionen" (Haack, 1974), "Destruktive Kulte" (Begriff aus den USA), "Neue Religiöse Bewegungen" und "Gruppen mit vereinnahmender Tendenz" (Stamm, 1994).

- 2. Vgl.: Stamm, Hugo, Sekten - Im Bann von Sucht und Macht, München: dtv, 1995, S. 7

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