
Agnes Miriam Boeing
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Hinweise für Menschen in psychosozialen Berufen
Überblick
Hier finden Sie einige Überlegungen und Gedanken zu folgenden Themen:
Sehnsucht nach Spiritualität
Spiritualität - nur was für Spinner?
Was heißt denn überhaupt "Spiritualität"?
Gründe für einen Sekteneintritt
Warum bleiben Sektenmitglieder in destruktiven Gruppen?
Ausstiegshilfen
Heute gibt es etliche religiöse, spirituelle und esoterische Wege1 , die interessierten Menschen offen stehen. Wer einen solchen Weg sucht, muss recht komplexe Bewertungen der verschiedenen Richtungen vornehmen. In dem Dschungel der Angebote gibt es - so meine ich - viel oberflächliche, einige destruktive und manche hilfreiche Gruppen.
Sehnsucht nach Spiritualität
Oft liegt die Motivation zur Suche eines spirituellen Weges sehr tief. Sehnsüchte, Wünsche, Ängste, bewusste und unbewusste Werthaltungen spielen bei der Wahl eines Weges eine gewichtige Rolle. Die Gefahr, sich auf eine destruktive Gruppe oder Organisation einzulassen, ist nicht gering. Auf Grund der hohen inneren Beteiligung ist es für Betroffene meist nicht leicht, sich wieder zu lösen.
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Spiritualität - nur was für Spinner?
In unserer Gesellschaft gibt es wenig Akzeptanz für spirituelle oder religiöse Bedürfnisse. Meist gilt: Das, was Wissenschaft sagt, das ist real - und alles andere ist Glaubenssache für Romantiker. In diesem Klima gelten Sektenmitglieder, die sich ganz besonders auf ein spirituelles Leben, wenn auch auf destruktive Weise, einlassen, oft als komplette "Spinner".
Bis heute wird das gemeinhin akzeptierte Weltbild von Descartes, Newton und Galilei geprägt. Leicht lässt sich aber dieses wissenschaftlich-mechanistische Weltbild lediglich als ein Blickwinkel von vielen möglichen erkennen. Die Erkenntnisse der modernen Physik und Chemie haben das mechanistische Weltbild vielfach als ein zu starres System entlarvt. Bisher ist unser mechanistisch-wissenschaftliches Bild von der Welt jedoch nicht ernsthaft in Frage gestellt worden. Neue Perspektiven, die sowohl die Errungenschaften der Wissenschaft und die Sphären der Intuition und Religion miteinander verbinden, werden von der Gesellschaft nur selten zur Kenntnis genommen.
In unserer mechanistisch geprägten Sicht von der Welt - die von Jeremy Hayward (1997) auch als "entzauberte Welt" beschrieben wird - gibt es für Träume, Heiligkeit und Visionen wenig Raum. Spiritualität und Religion gelten darin als überflüssig und kraftlos. Es wird suggeriert: "Ein wahrhaft starker und rationaler Mensch braucht das nicht."
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Was heißt denn überhaupt "Spiritualität"?
Es existieren selbstverständlich unendliche viele Formen von Spiritualität und Religiösität. Meiner Meinung nach fehlt hierzulande jedoch ein intuitives Wissen darüber, was hilfreiche Spiritualität eigentlich beinhaltet. Dies zu verstehen, ermöglicht aber erst, auch destruktive Formen der Spiritualität zu begreifen. Denn nicht zuletzt beziehen destruktive Kulte ihre Attraktivität aus dem Einstreuen von förderlichen Praktiken und Aussagen - die jedoch in der Gesamtaussage der Gruppe immer nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Eine förderliche Spiritualität ist aus meiner Sicht nicht an eine bestimmte Religion oder Richtung gebunden. Sie kann sich in vielerlei Formen ausdrücken. Ganz zentral für eine heilsame Form der Spiritualität sind meines Erachtens die folgenden Punkte:
· Sich selbst begegnen.
Es bedeutet, die innere Welt zu betreten und die Fülle von Gedanken, Emotionen, inneren Bildern und Erlebnissen erst einmal wahrzunehmen.
· Der Welt begegnen.
Es beinhaltet, die Welt mit all ihren schönen, schrecklichen und widersprüchlichen Facetten anzusehen. In diesem Sehen werden alle Bereiche des Lebens wahrgenommen und gewürdigt.
· Eine positive Wachstumsrichtung wählen.
Damit ist verbunden, für sich selbst positive Entscheidungen zu treffen, sich den eigenen Stärken und Schwächen zu stellen und das Mögliche zu tun.
· Einen kontemplativen Weg gehen.
Die Möglichkeiten einen kontemplativen Weg zu gehen, sind je nach Religion oder Gruppe verschieden. Bekannte kontemplative Techniken sind z.B. die Meditation, das Gebet und heilige Tänze (z.B. in den islamischen Traditionen der Sufis).
· Verbundenheit akzeptieren.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Familiäre, freundschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen zu anderen sind bedeutsam. Ein heilsamer spiritueller Weg trägt dazu bei, die sozialen Bindungen auf lebendige Weise verantwortlich zu gestalten.
Eine solche Form der Spiritualität kann - so meine ich - sehr wohl zu einem rationalen Menschen gehören. Es gehört Mut, Offenheit und innere Stärke dazu, Spiritualität auf eine solche Weise zu leben. So gesehen offeriert diese Spiritualität kein "Glaubenssystem", das starre Lebensregeln liefert, sondern eher einen freien Zugang zum Leben.
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Gründe für einen Sekteneintritt
Die Gründe für einen Sekteneintritt sind vielfältig und oftmals kann eine persönliche Krise eine Ursache dafür sein. Von Fachleuten wird nicht selten geäußert, dass Sektenmitglieder schwach und labil seien, immer auf der Suche nach einem rettenden "Meister" oder "Guru."
Diese weit verbreitete Auffassung suggeriert: Wer stark ist und immer schön auf dem Boden der oben skizzierten rational-mechanistischen Weltordnung bleibt, der kann auch nicht in eine Sekte rutschen. Diese Ansicht mag in mancherlei Hinsicht auch zutreffend sein.
Dennoch kann man meines Erachtens einen Sektenbeitritt nicht ausreichend durch eine innere "Schwäche" oder "Labilität" erklären. Sekteneinsteiger sind oftmals Menschen, die ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Spiritualität und Religion besitzen. Sie sind bereit, neue und fremde Weg auszuprobieren und sich auf etwas Ungewöhnliches einzulassen. Ein solches Vorgehen ist erst einmal mutig und verdient Respekt. Und: "Irren ist menschlich" - dies gilt auch für die Wahl eines spirituellen Weges, der sich erst nach näherer Betrachtung als destruktiv erweist.
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Warum bleiben Sektenmitglieder in destruktiven Gruppen?
Wichtiger erscheint mir hingegen die Frage: Warum bleiben Menschen in destruktiven Gruppen, wenn sie tagtäglich mit den negativen Auswirkungen konfrontiert werden?
Auf Grund meiner Erfahrungen würde ich darauf folgende Antworten geben. Menschen bleiben in destruktiven Gruppen, weil sie
1. eigene Gefühle und Gedanken abwehren wollen und es deshalb vorziehen, nach strengen, starren und disziplinierenden Regeln zu leben.
2. Durch die Techniken der Bewusstseinskontrolle sind sie in eine schwer zu entflechtende psychische Abhängigkeit geraten.
Die Techniken der Bewusstseinskontrolle hat der amerikanische Sektenaussteiger und Psychologe Steven Hassan (1993) ausführlich beschrieben (Steven Hassans Homepage). Sie gehen zurück auf R.J. Lifton(1987), der diese erstmalig skizzierte. Sie umfassen Suggestionen, non-verbales Belohnen und Bestrafen, Gruppendruck, Autoritätsdruck, Informationskontrolle, Verhaltenskontrolle, Gedankenkontrolle und Gefühlskontrolle.
In meinem Buch "Eigene Wege finden" habe ich diese Techniken ebenfalls ausführlich dargestellt und erläutert. Sie führen dazu, dass die Identität des Individuums verdrängt und eine regelrechte "Ausstiegsphobie," die ein Verlassen der Gruppe verhindern soll, einwickelt wird. Die Techniken der Bewusstseinskontrolle sind in zahlreichen psychologischen Experimenten untersucht und bestätigt worden. Alexandra Stark
hat in einer Seminararbeit (Sommer 1996) exemplarisch die Wirkungen der Bewusstseinskontrolle erklärt.
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Ausstiegshilfen
Wenn Sie innerhalb der Ausübung Ihres Berufes in die Situation kommen, einen potentiellen Sektenaussteiger zu begleiten, dann können die folgenden Hinweise für Sie hilfreich sein.
Worum geht´s?
Wenn Sie einen potentiellen Sektenaussteiger beraten, dann ist es wichtig zu wissen, worum es in der Religion oder Philosophie der Gruppe geht. Versuchen Sie herauszufinden:
- Woran glaubt die Gruppe? Welche Annahmen sind zentral?
- Welche Ziele hat diese Gruppe?
- Welche Tabus herrschen in der Gruppe? Worüber darf nicht gesprochen werden? Was darf nicht gefühlt werden?
- Welcher Art ist die Ausstiegsphobie der Person? Bedenken Sie: Bei einem realen Austritt werden diese Ängste - so unrealistisch sich diese Ängste für Sie anhören - aktiviert.
Den Sektenausstieg begleiten
Ein realer Sektenaustritt ist - je nach Dauer der Zugehörigkeit und Verwicklung des Sektenmitgliedes in die Gruppe - schwierig. Das innere Überzeugungssystem, welches monate- oder sogar jahrelang für diese Person hoch bedeutsam war, bricht zusammen. Mit dem Austritt verlässt das Ex-Mitglied seine gewohnte Umgebung, Freunde und vielleicht sogar einen Partner. Folgende Punkte können hilfreich sein:
- Sorgen Sie dafür, dass der Aussteiger in den ersten Tagen rund um die Uhr einen Ansprechpartner hat.
- Machen Sie sich klar, dass die von der Sekte initiierte Ausstiegsphobie nun aktiviert wird. Sprechen Sie mit dem Aussteiger darüber. Einige Ängste wirken möglicherweise noch lange Zeit nach dem Austritt unbewusst weiter.
- Regen Sie Kontakte zu anderen Sektenaussteigern an.
Die Sektenerfahrung verarbeiten
Eine Sektenerfahrung beinhaltet ein bestimmtes Muster an Gedanken und Gefühlen. Dieses Muster kann auch nach dem Austritt durch verschiedene Situationen neu belebt werden. Die Sektenerfahrung wird für den Aussteiger in den Momenten des "floodings" (engl.: fließend) wieder real und lebendig; es besteht die Gefahr, dass er sich erneut der Gruppe zuwendet, weil er im flooding ein besonderes "Zeichen" zu erkennen glaubt.
Es ist wichtig, den Aussteiger auf eine solche Situation vorzubereiten, damit er sich innerlich schützen kann.
Zudem halte ich folgende Anregungen für nützlich:
- Der Aussteiger soll nach Möglichkeit eine "atheistische Phase" leben und sich von neuen Wegen und Richtungen - erst einmal - fern halten.
- Geben sie Hilfen, indem Sie fragen: Was sind deine Werte? Was möchtest du in deinem Leben umsetzen? Und: Was tust du gerne?
- Ein neuer Weg sollte vom Aussteiger - wenn überhaupt - mit mehr Distanz und Skepsis gesucht werden.
Vereinfachend nenne ich im Artikel meist nur die Begriffe "Spiritualität" und "spirituell".
Robert J. Lifton: The Future of lmmortality and Other Essays for a Nuclear Age. New York 1987.
Dipl. Psych Agnes Miriam Boeing
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