
Agnes Miriam Boeing
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Informationen für Eltern und Freunde von Sektenmitgliedern
Aus meiner Sicht ist es sehr hilfreich, wenn Eltern, Angehörige, Freunde und Freundinnen den Kontakt nicht abreißen lassen. Briefe, Karten und Anrufe sind für das Sektenmitglied oft persönlich bedeutsam.
Da das Sektenmitglied einer Bewußtseinskontrolle unterliegt, ist es meistens ineffektiv und nutzlos, lange und aufwühlende Diskussionen zu führen. Um ein effektives Gespräch zu führen, müssen die InteressentInnen sorgfältig Informationen über die Sekte einholen und sowohl Zugang zur Sektenidentität wie auch zur echten Identität des Mitgliedes finden.
Vorwürfe, Anklagen, zynische Bemerkungen oder rationale Argumente können beim Sektenmitglied dazu führen, dass er oder sie seine sektiererischen Überzeugungen mit der Begründung festigt: "Sie verstehen und respektieren meine Entscheidungen nicht. Ich breche den Kontakt deshalb ab."
Von daher ist es besser, zunächst vorsichtig und fragend auf die Sektenmitgliedschaft zu reagieren. Angehörige können sich arglos nach den Praktiken und Überzeugungen erkundigen und Interesse zeigen. Dabei ist wichtig, dass sie Respekt und Verständnis für die Entscheidung des Mitglieds zeigen, aber hin und wieder auch eine neue Perspektive einbringen. Dies könnte z.B. in dieser oder ähnlicher Form geschehen:
- Ich kann mir schon vorstellen, dass ein neuer Messias kommt, aber ich weiß nicht, ob dieser dann unbedingt soviel Geld anhäufen würde. Das kann ich mich irgendwie schlecht vorstellen. Wie siehst Du das?
- Für mich ist Gott auch sehr wichtig. Aber eigentlich weiß ich nicht ganz genau, was Gott will. Ich möchte ihm nah sein und seinen Willen kennenlernen. Wie siehst Du das für Dich?
Auf diese Weise erkennt das Mitglied, dass seine Entscheidung geachtet wird. Es hat es nicht mehr nötig, sich z.B. gegen die Eltern, die bei strengeren Reaktionen aus der Sicht des Mitgliedes "alles besser wissen wollen", zu stellen und kann damit beginnen, die Inhalte, Praktiken und die Organisation näher zu betrachten. Und das ist ein Schritt in eine gute Richtung. Gleichzeitig sollten Eltern, Angehörige oder Freunde in einem Gespräch nicht soweit gehen, dass sie die "sektentypischen" Annahmen bestätigen. Mit der Richtschnur: Interesse ja, Zustimmung nein, kann ein Gespräch fruchtbar sein.
In jedem Falle rate ich Angehörigen und Freunden dazu, Kontakt zu Sektenberatungsstellen zu knüpfen und auch Ex-Mitglieder der Gruppe aufzusuchen. Auf diese Weise können Sie immer mehr Informationen sammeln und Hintergründe erkennen. Zudem ist es wichtig, im Prozeß der Begleitung eines Sektenmitgliedes eigene Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen. Denn es ist nicht hilfreich, wenn sich z.B. Eltern aus Sorge um ihr Kind verzehren. Bedeutsam ist, dass Sie Hilfe suchen und Hilfe annehmen. Auch übertriebene Schuldgefühle sind fehl am Platze - denn die Gründe für eine Sektenmitgliedschaft sind komplex und individuell verschieden. Es ist nicht immer davon auszugehen, dass z.B. eine mangelhafte Erziehung der Grund für den Beitritt zur Sekte ist.
Allerdings können bereits bestehende Konflikte der Familie durch eine Sektenmitgliedschaft noch deutlicher zutage treten. In diesen Fällen ist es sinnvoll, die vorhandenen Probleme in einer Therapie - vielleicht auch ganz unabhängig vom Sektenmitglied - aufzuarbeiten.
Die Mechanismen der Bewußtseinskontrolle werden im Buch: "Eigene Wege finden" erläutert.
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