Dipl. Psych. Agnes Miriam Boeing:   Eigene Wege finden


Buch: Eigene Wege finden, Dipl. Psych. Agnes Miriam Boeing, Garamond Verlag
Eine Orientierungshilfe zur Unterscheidung zwischen destruktiven und hilfreichen Formen der Spiritualität und Esoterik

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Agnes Miriam Boeing
Agnes Miriam Boeing



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Hilfen für Sektenaussteiger (und die, die es werden wollen)



Was tun? Ich habe die Vermutung, dass ich in eine Sekte geraten bin

Und tschüs - eine destruktive Gruppe verlassen

Freiheit spüren - mit einer Sektenerfahrung leben




Was tun? Ich habe die Vermutung, dass ich in eine Sekte geraten bin

Wenn Sie die Vermutung haben, dass Sie mit einer destruktiven Gruppe in Kontakt sind, dann schlage ich vor, betrachten Sie die Gruppe und ihre Gedanken und Gefühle bezüglich dieser einmal genau. Dazu finden Sie hier ein paar Möglichkeiten:


Wie geht es Ihnen wirklich?
Beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich und spontan:

  • Geht es Ihnen gut?
  • Haben Sie sich seit dem Kontakt mit der Gruppe zu Ihrem Vorteil verändert?
  • Wie empfinden Freunde und Verwandte Ihre Veränderung?
  • Geht die Gruppe freundlich und respektvoll mit Ihnen um?
  • Ist die Gruppe gastfreundlich und respektvoll zu Besuchern, die sich nicht für den Weg interessieren?


Schreiben Sie die Antworten zu diesen Fragen auf. Betrachten Sie Ihre Antworten mit den Augen eines guten Freundes, der Sie lange nicht gesehen hat. Wie würde dieser Freund Ihre Antworten bewerten?

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Was ist für Sie das Beste?
Nur Sie können wissen und entscheiden, ob Ihnen eine Gruppe gut tut oder nicht. Nehmen Sie sich die Zeit, frei und offen nachzudenken und zu spüren, was für Sie das Beste ist.

Meistens denken Mitglieder destruktiver Gruppen an dieser Stelle:

Natürlich, jetzt soll ich gucken, was für mich das Beste ist. Aber ich möchte wissen, was Gott (oder z.B. Buddha, Allah, die Organisation) von mir möchte und was für andere Menschen das Beste ist. Das ist mein Ziel.

Dahinter steht die tief verwurzelte Auffassung, ein spiritueller (religiöser/ esoterischer) Weg würde dem entgegenstehen, was für einen Menschen das Beste ist. Oder auch: Das, was für einen Menschen das Beste ist, das kann nicht spirituell (religiös/ esoterisch) sein.

Ein Sektenmitglied ist zudem unbewußt oft der Überzeugung:


So wie ich bin - das ich nicht ok.
Nur durch einen spirituellen (religiösen/ esoterischen) Weg
habe ich die Chance ok zu werden.


Auf Grund dieser inneren Selbstablehnung meinen Sektenanhänger, es sei gut, gerecht und angemessen, wenn ein spiritueller (religiöser/ esoterischer) Weg hart, quälend und disziplinierend sei. Diese Ansicht wird in sektiererischen Organisationen bestärkt und gleichzeitig in allerlei pseudo-mystischen Aussagen hübsch verpackt. Zum Beispiel so: "Der Weg ist schwer - die, die ihn gehen, sind selten." Die Verpackung ist mitunter so gelungen, dass Sektenmitglieder geneigt sind, Selbsthass mit spirituellem Fortschritt zu verwechseln.

Ein förderlicher Weg zeichnet sich aber dadurch aus, dass es gelingt, innere Bedürfnisse, die Liebe zu Gott (oder z.B. zu Buddha, Allah) und das Verhältnis zu anderen Menschen zu harmonisieren. Ein förderlicher Weg lehrt:


Das, was für mich gut ist,
im Innersten gut ist, das ist das,
was Gott (oder z.B. Buddha, Allah) für mich möchte.
Wenn ich dieses Innere finde,
dann tut das auch meinen Mitmenschen gut.


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Wie kann ich erkennen, was für mich das Beste ist?
Ehrlich gesagt: Es ist überhaupt nicht einfach zu erkennen, was einem selbst wirklich gut tut. Wenn man mit einer destruktiven Gruppe in Kontakt steht, dann ist dies besonders schwierig. Denn derartige Gruppen tun alles dafür, ihre Mitglieder zu verwirren.

In der Zeit als ich in einer - wie ich heute finde - destruktiven Gruppe war, war ich beispielsweise vollgestopft mit allen möglichen Überzeugungen und Gedanken. Manche dieser Gedanken bewerte ich heute als Unsinn, manche empfinde ich jedoch noch als richtig und angemessen. Damals war es mir unmöglich dieses Gedankengeflecht im Kopf zu entwirren.

Wenn ich die Frage: "Bin ich hier vielleicht in einer destruktiven Gruppe?" nur mit dem Kopf beantwortet hätte, dann wäre ich wohl heute noch in dieser Gruppe. Für mich war ganz wichtig, konkrete und einfache Verhaltensweisen in der Gruppe zu betrachten und diese zunächst einmal mit "dem Bauch" zu bewerten.

Über diese Art der Betrachtung habe ich dann z.B. für mich gemerkt: "Diese Menschen sind nicht gastfreundlich." Oder auch: "Hier werden ja einige Mitglieder wahllos zu Außenseitern gemacht. Wieso eigentlich?"

Indem ich den gedanklichen Überbau der Gruppe für ein paar Augenblicke losgelassen habe, konnte ich sehen, dass aus meiner Sicht dort Unfreundlichkeit, Ungerechtigkeit und Angst herrschen. Über diese sehr einfachen Dinge bin ich dahin gekommen, immer mehr Fragen zu stellen und die Gruppe schließlich zu verlassen.

Diese Einfachheit hat mir geholfen zu sehen, was für mich "das Beste" ist.

Ein weiterer Weg dies zu erkennen, ist, sich einmal zu fragen, was hat mir in den letzten Wochen Freude gemacht? Wann war ich glücklich? Sehen Sie sich diese Situationen an und ziehen Sie Ihre Schlüsse daraus.

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Und tschüs - eine destruktive Gruppe verlassen

Wenn Sie eine destruktive Gruppe verlassen wollen, dann ist das ein großer Schritt. Falls Sie lange in der Gruppe waren und viel investiert haben, ist es nicht einfach. Sorgen Sie deshalb für sich.

Hilfe annehmen
  • Suchen Sie Kontakt zu anderen Sektenaussteigern.
  • Finden Sie Menschen, die Sie in den ersten 1-2 Wochen rund um die Uhr begleiten.

Austrittsgründe formulieren
Schreiben Sie sich auf, was Ihnen an der Gruppe nicht gefällt und Sie zum Austritt bewegt hat.


Sich auf Rückschläge vorbereiten
Bereiten Sie sich darauf vor, dass es Rückschläge geben wird. Die typischen Gedanken- und Gefühlsmuster der Sekte können durch verschiedene Auslöser wieder aktiviert werden. Dieses Phänomen wird als "flooding" (engl.: fließend) bezeichnet. Interpretieren Sie das flooding nicht als ein besonders "Zeichen." Es ist eher vergleichbar mit der Situation eines trockenen Alkoholikers, der zufällig Alkohol zu sich genommen hat und nun besonders vorsichtig sein muss, wenn er nicht rückfällig werden möchte. Sprechen Sie dann mit Menschen Ihres Vertrauens. Bitten Sie andere Menschen um Hilfe und seien Sie nicht allein.


Auf den Boden kommen
Versuchen Sie eine zeit lang ohne Spiritualität (Esoterik/ Religion) zu leben. Betrachten Sie einmal nur das, was Sie sehen, schmecken, riechen, hören und fühlen können. Interpretieren Sie nicht. Nehmen Sie die Dinge des Lebens einmal ganz konkret.


Eigene Werte finden
Denken Sie darüber nach, was Ihre eigenen Werte sind. Ist es zum Beispiel die Nächstenliebe? Wenn ja, was können Sie auf eine gute und heilsame Weise dafür tun, um diesen Wert zu verwirklichen?


Die Erfahrung intellektuell verarbeiten
Lesen Sie Bücher über Sekten und verarbeiten Sie Ihre Erfahrung auch intellektuell.


Das Schöne akzeptieren
Wenn Sie auf die Zeit in der destruktiven Gruppe zurückblicken, können manchmal auch schöne und positive Gefühle auftauchen. Das ist normal, denn keine Gruppe ist ausschließlich negativ. Lassen Sie diese Erinnerungen zu, ohne Ihre Austrittsgründe zu vergessen. Machen Sie sich klar, dass diese schönen Momente, Ihre negativen Erfahrungen nicht überdecken können. Vielleicht können Sie das, was angenehm war, in Ihr selbstbestimmtes, freies Leben nach der Sekte integrieren.

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Freiheit spüren - mit einer Sektenerfahrung leben

Der ganze Prozeß der Aufarbeitung der Sektenerfahrung braucht Zeit. Dies ist gerade bei den Menschen so, die lange Zeit in einer Sekte waren. Sie müssen mitunter wieder lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und langsam damit beginnen, all die vielen vergessenen Facetten ihrer echten Identität neu zu beleben. Das kann nicht von heute auf morgen gehen. Betroffene, Angehörige und Freunde brauchen dazu Geduld.


Die alte Identität beleben
Tun Sie Dinge, die Ihnen, und vielleicht nur Ihnen, Spaß machen. Sitzen Sie gerne in einem Lokal bei einer Tasse Kaffee? Lieben Sie es zu Tanzen oder feiern Sie gerne Parties? Möchten Sie einmal ein Modellflugzeug bauen?

Tun Sie das, was Ihnen Spaß macht! Nehmen Sie sich Zeit für sich.
In einer Sekte verlieren die Mitglieder das Gefühl für die eigenen Vorlieben, die kleinen und schönen Dinge des Lebens. Beleben Sie als Aussteiger diese Interessen neu.


Demokratie und Toleranz
Eine Sektenerfahrung ist vergleichbar mit einem diktatorischen System. Wir leben glücklicherweise in einem demokratischen Staat. Machen Sie sich klar, was dies konkret bedeutet und welche Vorteile für Sie darin liegen.
Nach meiner Erfahrung konnte ich - scheinbar selbstverständliche - Arrangements, wie Religionsfreiheit, Pressefreiheit, politische Wahlen und mehr, viel tiefer würdigen.

Zudem ist es für mich wichtig, Toleranz zu leben. Andere Religionen, Kulturen und Lebensansichten sind aus der Sicht einer Sekte immer irgendwie "falsch" oder sogar "teuflisch."

Teil meiner Bewältigung ist es, immer wieder Unterschiede zwischen Menschen anzuerkennen, kennenzulernen und auch zu schätzen. Denn in dieser Vielfalt spiegelt sich die Schönheit und Weite des menschlichen Lebens.


Ein neuer Weg?
Ein neuer spiritueller Weg kann nach einer Sektenerfahrung nicht ohne eine Hypothek begonnen werden. Das ist meiner Meinung nach auch gut, denn nur wenn Sektenaussteiger vorsichtiger und vielleicht auch ängstlicher an einen neuen Weg herantreten, können Sie eine zweite Sektenerfahrung vermeiden.

Lassen Sie sich viel Zeit damit, wenn Sie wieder einen spirituellen (religiösen/ esoterischen) Weg suchen. Prüfen Sie die neue Gruppe eindringlich, seien Sie dort unbequem und halten Sie innerlich Distanz, indem Sie denken: "Wenn ich hier nur einmal zu irgendwas gedrängt werde, bin ich wieder weg." Schreiben Sie sich auf, was Sie nicht akzeptieren werden und wo Ihre Grenzen sind. Ziehen Sie sofort Ihre Konsequenzen, wenn Sie merken, dass in der Gruppe Situationen entstehen, die mit Ihrer Sektenerfahrung vergleichbar sind.

Sagen Sie in der neuen Gruppe laut und deutlich, dass kein Lehrer (Meister oder Guru) für Sie die letzte Instanz ist, sondern nur Ihr eigenes Gewissen. Behalten Sie sich vor, alle Aktionen der Gruppe und des Lehrers immer wieder zu prüfen und - möglicherweise - abzulehnen.

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Wichtige Links zu Sektenaussteiger
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IGPP: Beratung bei außergewöhnlichen Erfahrungen
Mehr Infos hier
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Dipl. Psych. Dieter Rohmann - ein Ausstiegsberater.





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Bei der Nennung der männlichen Form, z.B. "der Lehrer", ist die weibliche Form, in diesem Falle "die Lehrerin", immer mitgemeint.

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